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Kurzgeschichte 1

Acht Jahre ist es jetzt her. Es sieht ganz anders aus als damals. So friedlich und ruhig. Auch die Hotels waren noch nicht da. Der Strand zog sich weiter ins Landesinnere und überall waren Dünen. Dort, wo jetzt die Sonnenschirme stehen, wurden wir an Land gebracht. Ich lag eine Stunde im Sand denn ich war zu schwach um zu laufen. Die anderen rannten, sofern sie konnten, zu den Dünen. George rief hinter uns her:“ Macht das ihr wegkommt, ihr Nigger! Wenn sie euch schnappen seit ihr selbst schuld. Lauft, verpisst euch.“ Aber ich konnte nicht. Niemand half mir. Alle versuchten sich in Sicherheit zu bringen, sie hatten Angst. Ich hätte es nicht anders gemacht. Von den 60 Leuten die mitgefahren waren, kamen nur 25 an. Männer, Frauen, Kinder, Alte und Kranke, doch die meisten hatten die Fahrt nicht überstanden.
Jeder von uns hatte 2500 Dollar an George bezahlt, dass er uns mitnimmt nach Frankreich oder Spanien, ganz egal. Viele haben alles verkauft was sie besaßen. Die meisten von uns kamen von weit her. Aus dem Senegal, Angola oder der Elfenbeinküste. Männer waren dabei, die nur noch ein Bein oder einen Arm hatten. Frauen mit zentimeterlangen Schnittwunden im Gesicht und keiner sprach über seine Heimat, die Kriege oder was ihm zugestoßen war. Alle redeten nur von der Zukunft und das jetzt alles besser werden würde. Ich war nicht so optimistisch, wusste ich doch von einem Freund, der es vorher versucht hatte, dass es sehr gefährlich war. Und selbst wenn man es bis drüben schaffte, konnte es sein das sie einem im nächsten Boot wieder zurückschickten oder in eins der Auffanglager steckten.
Der Tag unserer Überfahrt war sonnig und warm. „Das beste Wetter das man sich vorstellen kann“ tönte George. Er hatte das angeblich schon hundert Mal gemacht, und noch nie hätte er einen Menschen verloren. Er war vergnügt und immer freundlich, doch ich traute ihm nicht über den Weg. Wir legten am Abend um 21 Uhr ab als die Dunkelheit hereinbrach. Das Boot, dass man uns versprochen hatte entpuppte sich als morsches Stück Holz, dass bestimmt schon an die 30 Jahre alt war. Ich wurde langsam unruhig da ich mir nicht vorstellen konnte wie 60 Menschen inklusive Crew auf dieses Wrack passen sollten. Wir wurden an Bord gebracht. Erst die Männer nach vorne und dann die Frauen, die im Heck bleiben sollten. Es war eng, heiß und kaum auszuhalten. Irgendeiner fragte George, wie lange es wohl dauern würde. George sagte, nicht länger als 8 maximal 10 Stunden, sofern das Wetter mitspielte.
Wir versuchten also uns die Situation so angenehm wie möglich zu machen und unterhielten uns angeregt über dies und das, hauptsächlich über Fußball. Gegen Mitternacht spürten wir die ersten Windböen und das Boot begann zu leicht schaukeln. Ich wurde nervös denn man hatte mir erzählt, dass es im Mittelmeer, vor allem in der Meerenge von Gibralta zu plötzlichen Gewittern und Strömungen kommen kann. In der folgenden halben Stunde wurde aus einem lauen Lüftchen ein heftiger Sturm mit meterhohen Wellen. George fluchte unaufhörlich und an Bord brach Panik aus. Alle versuchten sich so gut es ging irgendwo festzuhalten. Ich griff mir ein loses Tau und band es mir schnell um die Hüfte. Die Frauen fingen an nach ihren Männern zu rufen und die versuchten sich zu ihren Frauen und Kindern durchzuquetschen. Vom Heck hörte ich eine Stimme rufen: “Hilfe, sie ertrinkt! Helft ihr doch!“ Aber in der Schwärze die das Boot umgab sah man nichts als die Gischt der Wellen die an den Rumpf des Bootes schlugen und die aufgewühlte See. Eine riesige Welle spülte über die Rehling und riss zwei Männer die neben mir saßen einfach von Bord. Ich versuchte einen an der Hand zu packen, konnte ihn aber nicht festhalten. Als ich mich einmal kurz umsah, trieb eine Frau mit einem Kind in den Händen vorbei, die mir zurief: “Mein Kind! Rette mein Kind! Nimm es!“ Ich griff nach dem kleinen Arm und zog ihn an Bord. Ich drehte mich schnell wieder zum Wasser, aber von der Frau war nichts mehr zu sehen. Das Geschrei an Bord war fürchterlich. Überall versuchten sich die Menschen an etwas zu klammern, hielten sich an anderen fest, die dann mit von Deck gewaschen wurden. Ich hielt das Kind, dass ich aus dem Wasser gezogen hatte, die ganze Zeit so gut ich konnte fest. Ein heftiger Ruck erschütterte den Kahn und ich schlug mit dem Kopf gegen die harten Planken.
Ich verlor das Bewusstsein und erwachte erst wieder als die Sonne heiß auf uns runterbrannte. Das Kind lag nicht mehr in meinem Arm. Auch sonst sah ich es nirgendwo. Nur knapp ein Drittel der Passagiere war noch da. Ein paar saßen still und offenbar geschockt an das Führerhaus gelehnt. Andere weinten und schrieen und trauerten um ihre Familien und Freunde. Es war furchtbar. Ich sah auf das Meer hinaus und begann auch zu weinen. Auch fühlte ich mich schuldig weil ich überlebt hatte. Ich rollte mich auf den Brettern zusammen und schlief ein. Ein dumpfes Geräusch lies mich hochschrecken. Vier meiner Mitreisenden standen um das Führerhaus. Einer hielt eine abgebrochene Planke in der Hand, einer ein Messer. Sie schrieen George an, er wäre an allem Schuld, er hätte sie betrogen was die Fahrt anging. George stand mit einer Pistole in der Hand und dem Rücken zum Steuerrad ihnen gegenüber. Als einer der vier versuchte George anzugreifen schoss der ihm in den Bauch. Der Mann sackte zusammen und blieb liegen. Die anderen drei wichen zurück. „Wer will heute noch ins Gras beißen?“ schrie George und fuchtelte mit seiner Kanone rum, „Ihr verdammten, undankbaren Nigger!“ Die drei Typen verzogen sich ängstlich in eine Ecke. Ich schloss die Augen und betete zu Gott, dass er mich sicher an Land bringen soll. Ich hörte noch Georges Gefluche und das leise Wimmern der Anderen.
Nach 19 Stunden erreichten wir das Festland. Genau hier wo ich jetzt stehe. 8 Jahre ist das her. Ich hatte trotz allem Glück. Ich konnte bleiben. Wenn einer der Hotelgäste aus dem Fenster sieht, sieht er nur ein schönes Stückchen Sandstrand. Wenn ich den Strand sehe, die Sonnenschirme und die Kinder im Wasser denke ich an die, die ihn nie gesehen haben.
4.7.06 17:23
 


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